Hier kommt das erste Kapitel von Thrud – Göttin der Wikinger. Viel Spaß damit!

1
Hvernig skal kenna Sif?
Svá, at kalla hana konu Þórs,
móður Ullar, it hárfagra goð,
elja Járnsöxu, móður Þrúðar.
Skáldskaparmál
Wie sollen wir Sif nennen?
Nennt sie Frau von Thor, Mutter von Ull,
die Göttin mit dem schönen Haar,
Nebenfrau von Jarnsaxa, Mutter Thruds.
Das Licht der Spätsommersonne fiel schräg durch die Fensteröffnung und verlieh den altersdunklen Eichenbohlen einen warmen Schimmer. Der scharfe Strahl schnitt durch den in der Luft wirbelnden Staub und ließ den Schemel, auf dem Sif vor dem Webstuhl saß, rotgolden aufleuchten.
Fasziniert betrachtete ich das Muster am Saum ihres Kleides. Die verschlungenen Linien und Flächen tanzten bei jeder Bewegung ihres Körpers, wie die Blätter einer Blutbuche im Herbstwind. Der Streifen aus Licht liebkoste die Haarsträhnen, die ihr über Schultern und Rücken fielen und fast den Boden streiften, und malte schimmernde Juwelen auf ihren weißen Hals.
Endlich legte sie das Schiffchen beiseite und schob den Stuhl zurück. „Na, komm schon her“, lockte sie mich.
Erleichtert ließ ich die Handspindel zu Boden fallen, wo sie klappernd in eine Ecke rollte, und sprang auf. Meine Versuche, einen gleichmäßigen Faden zu spinnen, waren auch heute wieder kläglich gescheitert.
Blinzelnd trat ich in den Lichtstrahl, in dem die wehrlosen Staubflocken wie Irrlichter tanzten, und kroch auf den Schoß meiner Mutter. Trotz der Kinder, die sie geboren hatte, war ihre Taille so schlank, dass ich sie mühelos umfing. Ich drückte mein Gesicht in den taubenblauen Wollstoff, der sich über ihrer Brust spannte, und sog den vertrauten Geruch nach sonnenwarmem Stroh ein, den sie verströmte.
Ihr Gesang lullte mich ein und meine Lider wurden schwer, während meine Finger hinter ihrem Rücken durch ihr Haar glitten. Wie flüssiges Gold ergoss es sich über ihre Schultern. Sifs Haar war einer Göttin würdig. Es war ihr ganzer Stolz und sie trug es für gewöhnlich offen, außer, wenn sie hinter meinem Vater herräumte. Dann war es zu einem dicken Zopf geflochten, der über den kunstvoll gewebten Gürtel fast bis zu ihren Kniekehlen herabhing.
Ich saugte den kostbaren Augenblick auf wie ein Schwamm, vergrub ihn als Schatz tief in meinem Herzen, dicht neben den wenigen anderen seiner Art.
Denn wie immer polterte allzu bald mein Vater herein, worauf meine Mutter mich wie einen Krümel von ihrem Rock wischte und sogleich vergaß.
Manchmal denke ich, dass diese flüchtigen, gestohlenen Momente der Nähe mir die Kraft zum Weitermachen gegeben haben in den grausamen Zeiten, die folgen sollten.
Sie sprang auf und warf sich in die Arme meines Vaters. Neben der gewaltigen Statur des Donnergottes wirkte selbst die hochgewachsene Sif zerbrechlich.
„Mmmm, wie ich dich vermisst habe“, murmelte Thor, die Nase im Haar meiner Mutter vergraben. Er atmete geräuschvoll ein und löste sich von ihr. Seine enormen Hände legten sich mit verblüffender Zartheit um ihr Gesicht. Im nächsten Augenblick presste er seine Lippen auf ihre, und in diesem Kuss lag nichts Sanftes mehr.
Mich würdigte mein Vater keines Blickes.
Meine Mutter erwiderte den Kuss, seufzte vor Verlangen und bog sich ihm entgegen.
Er presste seinen lederbeschürzten Unterleib an den ihren und antwortete mit einem tiefen Grollen.
Der Himmel verdunkelte sich und das Abendlicht in der Kammer ertrank in kalter Dämmerung.
Fliegende Finger nestelten an Bändern und Schnallen, begleitet von leisem Stöhnen und dem Geräusch von rasselndem Atem. Schicht um Schicht fielen Röcke und Teile der Lederrüstung auf die Bodenbretter.
Den Blick von Tränen der Wut verschleiert, floh ich aus der Kammer in die leere Halle. Die gestampfte Erde verschluckte das Tappen meiner bloßen Füße.
Ich durchquerte den riesigen Raum mit den Reihen von Tischen, die außerhalb der Mahlzeiten an die Wand geschoben waren, und stürmte durch eine Seitenpforte ins Freie. Schwarze Wolken ballten sich über dem Langhaus von Bilskirnir, meines Vaters Hof, zusammen, die Luft vibrierte, und aus den Ställen wehte vielstimmiges Blöken herüber. Hier draußen war ebenfalls niemand zu sehen. Alle waren auf den Feldern, die Ernte war in vollem Gang.
Das Gras peitschte meine nackten Beine, als ich die Gras-fläche überquerte und das Langhaus hinter mir allmählich zu Spielzeuggröße schrumpfte. Erst am Übungsplatz hielt ich an, presste keuchend die Hände gegen die Seiten und nahm das Bild in mich auf.
Die Abendsonne ließ meine Brüder blutrot aufleuchten. Ein erster Blitz zuckte, und das Grollen des Donners verschluckte das Klirren ihrer aufeinandertreffenden Klingen.
Als Mädchen hatte ich hier nichts verloren, und wenn ich dem Verbot meines Vaters trotzte, wurde ich streng bestraft. Aber das metallische Singen der Schwerter zog mich schon in diesem Alter an wie Licht die Motten. Mehr als alles in den neun Welten wünschte ich mir zu lernen, eine Waffe zu führen. Mein kindliches Gemüt klammerte sich an die Illusion, dass ich mich dann endlich gegen meine Brüder zur Wehr setzen könnte.
An den Strohballen, die den Kampfplatz abgrenzten, lehnten nachlässig die Holzschwerter, die Magni und Modi gegen Metallklingen getauscht hatten.
Hastig duckte ich mich hinter einen der Ballen, obwohl ich mir das vermutlich hätte sparen können: Die meiste Zeit schien ich ohnehin unsichtbar zu sein.
Meine Brüder kämpften konzentriert, unter dem strengen Blick von Ull, dem Ältesten. Genau genommen waren alle drei nur meine Halbbrüder. Mit Ull teilte ich die Mutter, mit Magni und Modi den Vater. Es half mir aber nichts, dass ich das einzige gemeinsame Kind von Thor und seiner geliebten Sif war. Denn ich war bloß ein Mädchen, und dazu fehlte mir die Schönheit, die man von einer Asengöttin und Tochter der Sif erwartete.
Schweißbedeckt umkreisten Magni und Modi einander auf dem zertrampelten Gras. Gebannt verfolgte ich ihre Bewegungen.
Im Augenblick schien Magni im Vorteil. Er holte zu einem gewaltigen Hieb aus. Aber Modi wich behände aus, anstatt den Angriff zu parieren. Von einem erneuten Blitz zuckend beleuchtet traf Magnis Schwert ins Leere, und in der darauffolgenden relativen Dunkelheit torkelte er schemenhaft vorwärts, wie ein schwankender Baumstamm.
„Beine“, brüllte Ull, um den Donner zu übertönen.
Magnis Kopf wendete sich Ull zu. Es dauerte kaum einen Wimpernschlag, doch Modi nutzte die kleine Unaufmerksamkeit, brachte sich in Stellung und zielte mit der Schwertspitze auf Magnis Kehle. Kaum einen Fingerbreit vor dessen Hals stoppte er die Klinge und krähte begeistert: „Tot!“
„Gut gemacht“, knurrte Ull, wandte sich dann aber stirnrunzelnd Magni zu. „Was sollte das bitte sein?“
Magni räusperte sich, ließ den Kopf hängen und drehte sich weg.
Ich bemerkte die Bewegung zu spät und starrte unverhofft in sein wutverzerrtes Gesicht, gelähmt vor Schreck, wie ein Kaninchen vor dem Fuchs.
„Thrrrruuuud!“, schrie Magni. Seine Wut mischte sich mit Scham, wie ich an der Röte erkannte, die ihm in die Wangen stieg und in der Abendsonne dunkelgrau aussah. Ich, seine unwürdige kleine Schwester, war Zeugin seiner Schmach.
Haltloses Zittern erfasste mich und ich stand wie fest-genagelt.
Magni erreichte mit wenigen Schritten den Strohballen, der ihn von mir trennte, und stieß ihn mit einem Tritt beiseite. Die Holzschwerter wurden in die Luft geschleudert, beschrieben einen Bogen und fielen hinter mir klappernd zu Boden.
Bevor ich die Kontrolle über meinen Körper zurückerlangte, hatte Magni mich schon beim Kragen gepackt und hochgehoben. Meine Füße, in die endlich Leben kam, strampelten nutzlos in der Luft.
„Was treibst du schon wieder hier, du kleine Kröte?“ Magni zischte die Worte leise, drohend.
Ich antwortete nicht. Wozu auch? Meine Strafe war mir sicher. Trotzig schob ich das Kinn vor und starrte ihn frech grinsend an.
Inzwischen waren Modi und Ull herangekommen. Von Modi war keine Hilfe zu erwarten, aber ich lugte hoffnungsvoll zu Ull hinüber. Doch der sah fast genauso finster drein wie die beiden anderen. „Lass sie runter“, herrschte er Magni an, das lauter werdende Grollen des Donners übertönend.
Magni setzte mich widerstrebend ab, ließ mich aber nicht los. Würde ich mit einer milden Strafe davonkommen?
„Du weißt, dass du hier nichts verloren hast. Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig. Du hilfst die nächsten drei Tage bei der Jauchegrube.“ Ull klang leidenschaftslos, fast bedauernd. Mein hoffnungsvolles Grinsen gefror zu einer Grimasse. Die abgeernteten Felder wurden als Vorbereitung auf den langen Winter gedüngt. Es war eine schweißtreibende und ekelhafte Aufgabe, den mit Urin vermischten Dung der Kühe und Pferde eimerweise von den Ställen dorthin zu schleppen und zu verteilen. Die niedrigsten Trelle, rechtlose Sklaven, verrichteten diese Arbeit. Und ich, wann immer es meinen Brüdern gefiel.
Ull genoss es nicht, mich zurechtzuweisen, aber wenn es einen berechtigten Grund gab, war seine Strafe genauso hart wie die Qualen, denen mich die beiden anderen aussetzten.
Magnis Miene hellte sich auf. Ein Blick zu Modi verriet mir, dass auch er Gefallen am Urteil des älteren Bruders fand.
Genau in diesem Augenblick zerriss ein gewaltiger Blitz den Himmel, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall. Die Wollust meines Vaters hatte ihren Höhepunkt erreicht.
Magni zuckte zusammen und lockerte seinen Griff. Das war meine Chance. Mit einem Ruck kam ich frei und flitzte wie ein Wiesel davon, dem nahen Wald zu. Zumindest vorerst würde ich einer zusätzlichen Tracht Prügel entgehen.
Ein lang gezogener, spitzer Schrei drang an meine vom Donner singenden Ohren und verriet mir, dass auch Sif auf ihre Kosten gekommen war.
Wütend stürmte ich zwischen die ersten schützenden Bäume und riss im Vorbeigehen einen Schössling nach dem anderen aus, eine Spur der Zerstörung hinterlassend. Immer tiefer drang ich in den Wald ein. Erst als selbst meine göttlichen Ohren nurmehr das Rauschen des Windes in den Wipfeln vernahmen, blieb ich stehen und warf mich auf den nadelbedeckten Boden unter einer riesigen Fichte.
Am jetzt vollkommen dunklen Himmel leuchteten einer nach dem anderen die Sterne auf und verschwammen vor meinen Augen.
Warum bloß musste es meinen Vater und meine Brüder geben?
Das Leben meiner Mutter kreiste um Thor. Fairerweise muss ich hinzufügen, dass auch mein Vater besessen war von seiner betörenden Frau. Die beiden konnten die Finger nicht voneinander lassen, weshalb ich, wann immer möglich, aus dem Haus floh, sobald mein Vater es betrat.
Das war noch aus einem anderen Grund von Vorteil. Denn so wenig ich meiner Mutter ähnelte, so viel hatte ich mit meinem Vater gemein. Aufbrausend und jähzornig zertrüm-merte ich schon als kleines Mädchen Tische, wenn mir etwas nicht passte. Mit meinem vor Kraft strotzenden Körper hätte ich eine bessere Nachfolgerin meines Vaters abgegeben als meine läppischen Brüder, denen die Nornen diese Aufgabe für die Zeit nach der Ragnarök vorhergesagt hatten.
Aber ich war keine alte Göttin wie die Rån, die sich um nichts und niemanden scherte und gestandene Seeleute in ihr feuchtes Grab zog. Ich war die Tochter eines Asengottes. Geboren für ein Leben im Schatten eines Mannes, ihm zu Gefallen und als Mutter seiner Söhne.
Deshalb wurde ich für mein unpassendes Verhalten jedes Mal streng bestraft. Mein Vater runzelte beim Anblick meiner mit jedem Jahr kräftiger werdenden Gestalt ungehalten die Brauen. Und falls er mich dabei erwischte, wie ich mit einem Holzschwert auf einen Strohballen eindrosch, schlug er mich mit demselben Schwert grün und blau.
Zumindest der Tracht Prügel war ich diesmal entkommen. Es galt, lange genug wegzubleiben, bis sie mich wie immer vergessen hatten. Auch wenn ich daran zweifelte, dass das für Ulls Strafe gelten würde. Er vergaß nie.
Ich schniefte und fuhr mir mit dem Handrücken über die Augen. Langsam beruhigte sich mein Herzschlag. Der Wind kühlte meine erhitzten Wangen und streichelte meine nackten Arme. Eine Nachtigall sang mir ein Schlaflied, und dankbar sank ich hinab in gnädiges Vergessen.
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